• andreas0102

Matterhorn - Liongrat (AD+/III)


Matterhorn, Liongrat, Hörnligrat, Rifugio Carrel, Hörnlihütte, Cervinia, Zermatt

Ein Gipfel den man niemanden mehr vorstellen muss. Das Matterhorn (4.478 Meter) ist nicht nur unter Bergsteigern der Inbegriff eines Berges, sondern verkörpert auch für Nicht-Bergsteiger alles, was sie sich unter einem echten Berg vorstellen: atemberaubend steile Wände aus Fels und Eis, wilde Gletscher zu seinen Füßen, kühne Grate die zu einem ausgesetzten Gipfel weit jenseits der 4.000 Meter Marke führen und eine erhabene und mächtige Gestalt, die man erst begreifen kann, sobald man einmal wirklich direkt davor steht. Alle diese Gründe haben das Matterhorn letztendlich zu Recht zum Wahrzeichen der Schweizer Berge und weit darüber hinaus gemacht.


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Doch wie es bei Berühmtheiten und derart hochstilisierten Superlativen der Fall ist, gibt es auch eine Kehrseite dieser Ruhmesmedaille. Das was sich in den Sommermonaten tagtäglich auf den verschiedenen Routen abspielt hat mit der dargestellten Idylle nicht mehr viel zu tun. Alle wollen aufs Matterhorn. Zum Glück kenne ich die Szenen, die sich hier abspielen sollen nur vom Hörensagen. Bei unserer Besteigung war das komplett anders. Warum wir fast allein am Berg unterwegs waren und wie wir es geschafft haben aus der Überschreitung des Matterhorns: Liongrat rauf und Hörnligrat runter eine 26 Stunden Odyssee zu machen gibt es auf den folgenden Zeilen zu lesen.


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Zunächst der Plan: Für die anstehende Hochtourenprüfung der Bergführerausbildung haben Armin, Janluca, Tobi und ich uns das Matterhorn als Übungsobjekt ausgesucht. Um möglichst viel vom Berg zu sehen entscheiden wir uns für die Überschreitung: Liongrat - Hörnligrat. Alle 4 waren wir noch nie am Gipfel, als angehende Bergführer fast ein No-Go. Wir organisieren uns jeweils einen Übungsgast, sei es ein Kollege oder die Freundin. Die Idee steht und wir buchen auf der Carrelhütte unsere 8 Plätze. Seit 2019 geht auf dem Rifugio Carrel nichts mehr ohne Reservierung und das ist auch gut so. Die Hütte hat gemütlich Platz für 40 Leute. Die Bergführer aus Cervinia teilen sich den Job auf und so ist immer einer von ihnen oben vor Ort um die 30,- € für die Übernachtung zu kassieren und darauf zu achten, dass im einst chaotischen Biwak Ordnung einkehrt. Szenen wo bis zu 100 Leute im Rifugio Carrel übernachtet haben gehören damit der Vergangenheit an.


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Das Auto deponieren wir in Domodossola und teilen uns gemeinsam ein Taxi in das Valtournenche bis nach Breuil-Cervinia (2.006 Meter). Gegen Mittag starten wir unseren Anstieg über das Rifugio Duca degli Abruzzi all´Orionde (2.802 Meter - ca. 2 Stunden ab Cervinia) bis zum Rifugio Carrel. Vom Tal aus komplett zu Fuß in 4-6 Stunden zu erreichen - mit Hilfe der Seilbahn verkürzt man den Anstieg um etwa eine Stunde. Der Weg bis zum Rifugio Duca degli Abruzzi all´Orionde ist problemlos (Forststraße und guter Steig) und auch von der Hütte weiter führt ein gut ausgetretener Pfad vorbei an einem kleinen See direkt hinter der Hütte bis zum Croce di Carrel. Auch darüber gibt es genügend Pfadspuren und je nach Jahreszeit über das eine oder andere Schneefeld erreicht man nach einer etwas ausgesetzten Querung das Colle del Leone. Hier beginnt nun im Prinzip der Liongrat.


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Wir seilen uns an und in zunächst einfacher Kletterei geht es über den Grat in Richtung Hütte. Einige Passagen sind bereits hier mit den dicken Hanfseilen ausgestattet. Diese werden uns vor allem auch am nächsten Tag noch öfters begegnen. Auf dem recht kurzen Stück vom Colle del Leone bis zum Rifugio Carrel bekommt man bereits einen recht guten Eindruck davon, was einem am nächsten Tag erwarten wird: quasi im Kurz- und Miniformat. Inzwischen hat es zugezogen und als wir uns über das letzte Hanfseil nochmal ordentlich steil und dementsprechend anstrengend zum Rifugio hochziehen beginnt es zu schneien. Dichter Nebel ist aufgezogen, doch am unverwechselbaren Geruch von menschlichen Ausscheidungen und herumfliegendem Toilettenpapier, das vom auffrischenden Wind aufgewirbelt wird, wissen wir die Hütte direkt vor uns.


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Drinnen herrscht bereits reger Betrieb. Vom diensthabenden Bergführer vor Ort bekommen wir unsere Schlafplätze zugeteilt. Er erzählt uns, dass die Hütte komplett ausgebucht ist und auch 3 Bergsteiger ohne Buchung hier sind. Als klar wird, dass alle die reserviert haben auch wirklich hochgestiegen sind, werden sie kurzerhand zurück ins Tal geschickt. Dass die Regeln ausnahmslos für alle gelten finde ich gut, auch dass sie rigoros eingehalten werden. Pech für den diensthabenden Bergführer ist jedoch, dass es die überforderten Bergsteiger im stärker werdenden Schneefall und im dichten Nebel nicht bis zum Colle del Leone runter schaffen. Gemeinsam mit anderen Bergführern vor Ort müssen sie bei Nacht und Nebel in einer Rettungsaktion geholt werden. Komplett durchgefroren kommen sie zwei Stunden später zurück in die Hütte und übernachten ungemütlich auf den Tischen im Essraum.


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Drinnen im Lager dagegen ist es gemütlich, draußen schneits und schneits. Zum wiederholten Mal lässt uns der Wetterbericht im Stich und unangekündigter Schneefall hüllt die hohen Gipfel in ein weißes Kleid. Am nächsten Morgen läutet der Wecker um 4 Uhr, wir frühstücken und starten um 5 Uhr. Wie am Vortag gewünscht sollten die lokalen Bergführer als erstes starten. Hinter einigen Seilschaften reihen wir uns direkt mit den Steigeisen an den Schuhen ein und es geht hinaus in die inzwischen klare aber bitterkalte und vor allem windige Nacht. An der "corda della sveglia" stauts zum ersten Mal - keine 20 Meter von der Hütte entfernt. Auch im Anschluss heißt es immer wieder an den etwas schwierigeren Stellen im untersten Bereich des Grates erstmal warten.


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Nach dem "großen Turm" schließlich kompletter Stillstand. Es ist nun auch hell geworden und die Situation klärt sich nach einigen kurzen Gesprächen auf. Die 4 Seilschaften vor uns sind eine Gruppe Italiener, die irgendwie alle zusammengehören und sich nun über die vereisten Platten nicht mehr weiter trauen. Sie entscheiden sich umzukehren. Die Bergführer sind bei diesen Verhältnissen erst gar nicht von der Hütte gestartet.


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Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis die Positionen getauscht und die vor uns kletternden Italiener an uns vorbei sind und weiter absteigen können. In dem kleinen Chaos hat sich eine österreichische Bergführerin nach vorne gearbeitet und leistet nun die Spurarbeit. Ohne lange Mäuse zu machen pflügt sie durch den Schnee nach oben und wir haben Mühe an ihr dran zu bleiben. Hut ab.


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Der Schnee ist eigentlich nicht das große Problem. Wir müssen zwar alles mit Steigeisen klettern und etwas mehr sichern, was zusätzlich Zeit kostet, aber wirklich ungemütlich macht es der Wind. Nach der Querung am sogenannten Leichentuch (Linceul) und einem kurzen klettersteigähnlichen Stück geht es über den Hahnenkamm (Créte de Coq - II) an einer Gedenktafel vorbei und über steile Ketten (la gran corda) wieder zurück auf den Grat. Hier bekommen wir wieder die volle Breitseite Wind. Ungemütlich kalt aber in konstanter Schwierigkeit (II) geht es Richtung Pic Tyndall.


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Hier machen wir in der windgeschützten Südseite eine kurze Pause und wärmen uns etwas auf. Im Anschluss geht es zurück auf den Grat der nun ein Stück horizontal verläuft. Ein paar kleinere Abkletterpassagen (3 mal ca. 5-10mt. - II) folgen bevor es weiter über die gut sichtbare Gipfelwand geht.



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Hier liegt etwas mehr Schnee, die Kletterei ist jedoch nicht so schwierig (II) und einige Bohrhaken erleichtern das Sichern. Eine kurze Stelle unter dem Col Félicité sticht in der Schwierigkeit etwas heraus (III). Im Anschluss führen Hanfseile das letzte steile Stück nochmal richtig anstrengend auf den Gipfel. Dabei wird die Strickleiter, die man früher hochgeklettert ist nun links entlang der Seile umgangen. Zunächst kommt man direkt am italienischen Gipfel (mit dem Gipfelkreuz) raus. Über einen kurzen Grat geht es auf den minimal höheren Hauptgipfel des Matterhorns (mit einer Statue des heiligen Bernhard). Durch die winterlichen Bedingungen und den langen Wartezeiten am Anfang der Tour haben wir 7 Stunden für den Liongrat gebraucht.


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Eine kurze Stärkung gönnen wir uns am Gipfel und machen uns gleich an den ebenso langen Abstieg über den Hörnligrat. Wir steigen die steile und eingeschneite (zum Teil auch eisige) Gipfelflanke ab (45°). An den ersten Stangen seilen wir ein paar mal ab und erreichen wieder mit Hanfseilen versicherte Passagen, die wir abklettern (II). Nun befinden wir uns an der sogenannten Schulter.


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Weit unten sehen wir die Hörnlihütte. Der Abstieg ist schwierig zu beschreiben. Mal auf dem Grat, mal in der Ostflanke folgt man den Sicherungsstiften und den Sicherungsringen an denen man immer wieder vorbei kommt solange man auf dem richtigen Weg ist. Am besten ist man mit großen HMS Karabinern beraten um sie überhaupt in die Sicherungen zu bringen. Meist geht es am kurzen Seil gut dahin, mal ist man schneller wenn man an den vorhandenen Sicherungspunkten abseilt. Hier ist ein 50 Meter Seil praktisch. Mit kürzeren Seilen muss wesentlich mehr abgeklettert werden. Dazwischen auch immer wieder Fixseile wie am Roten Turm oberhalb des Biwaks.


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Unter dem Solvaybiwak (4.003 Meter) geht es über die Moseleyplatte hinunter (abseilen 25 Meter oder abklettern III). Nun klettert man vorwiegend in der Ostflanke. Das Gelände ist vor allem in diesem Bereich recht unübersichtlich. Der richtige Weg ist aufgrund der zahlreichen Begehungen zwar sehr gut ausgeputzt, aber nicht immer leicht zu erkennen. Als Faustregel kann man sagen: Sobald man in brüchiges Gelände kommt ist man nicht mehr auf dem richtigen Pfad. Steigeisenkratzer auf den Felsen sind ebenfalls gute Orientierungshilfen.


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In Summe zieht sich auch dieser Grat gehörig in die Länge. Wir können erst im untersten Bereich endlich die Steigeisen abmontieren und auf trockenem Fels wesentlich schneller Meter machen. Nach nochmal knapp 6 Stunden vom Gipfel bis zur Hörnlihütte ist es endlich geschafft.




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Unsere bisherige Bilanz an diesem Tag: Allein auf dem Gipfel des Matterhorns - was für ein Erlebnis. Von 42 Personen auf der Carrelhütte hat außer der österreichischen Bergführerin mit ihrem Gast sowie unserer Gruppe niemand über den Liongrat den Gipfel erreicht. Insgesamt 13 Stunden sind wir von der Carrelhütte bis zur Hörnlihütte unterwegs. Die Seilbahnen fahren lange schon nicht mehr - nun steht uns noch ein langer Abstieg bis Zermatt bevor. Das bedeutet weitere 3 Stunden Gehzeit lässt man uns auf der Hörnlihütte wissen.


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Der Abstieg zieht sich tatsächlich (wieder mal) und unsere Deadline ist 22:13 Uhr, dann nämlich fährt der letzte Zug nach Brig. Den müssen wir erreichen, da unser Auto ja nach wie vor in Domodossola steht. Letztendlich geht sich das locker aus. Zum ersten mal an diesem Tag sind wir etwas schneller als gedacht. Der Zug bringt uns nach Brig, wo wir um 23:30 ankommen. Eine weitere Stunde müssen wir dort auf unseren Anschlusszug nach Domodossola warten und erreichen unser Auto schließlich um 1 Uhr morgens.


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Als letzte Etappe dieser Odyssee folgen nun 4 1/2 Stunden Autofahrt zurück nach Südtirol. Um 6 Uhr morgens fallen wir höchst zufrieden aber todmüde zu Hause in unser Bett: Seit dem Wecker auf der Carrelhütte um 4 Uhr Morgens sind 26 Stunden vergangen. Eine Tour die wir trotz - oder gerade wegen der widrigen Verhältnisse noch lange in Erinnerung behalten werden - im positivsten Sinne. So allein werden wir das Matterhorn nicht oft für uns haben: und dann ist es eine geniale und wunderschöne Tour.



 

Tour mit Bergführer wiederholen


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GPX Daten:

Matterhorn - Überschreitung
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Tags: Hochtour, Schweiz, Wallis, Matterhorn, Liongrat, Hörnligrat, Carrelhütte, Hörnlihütte, Zermatt, Cirvinia

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