• andreas0102

Dent Blanche - Viereselsgrat (D/III/50°)


Dent Blanche, Viereselsgrat

Der Sommer ist wieder einmal gefühlt wie im Flug vergangen. Es ist bereits September und in dieser Saison findet man an vielen großen Graten erst seit kurzem brauchbare Verhältnisse. Ständig neue Niederschläge und ein unbeständiges Wetter haben die anspruchsvolleren Routen die Viertausendern in den Westalpen lange in Beschlag gehalten. Doch pünktlich zu unserer letzten Prüfungswoche für die Bergführerausbildung in Südtirol zum Thema Hochtouren scheinen auch diese Touren aus dem etwas längeren Winterschlaf dieses Jahres zu erwachen. Für uns geht es ins Wallis, wo meine "Eingehtour" der Viereselsgrat auf die Dent Blanche werden soll.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Dent Blanche, Viereselsgrat

Ausgangspunkt für die Tour über den Viereselsgrat auf die Dent Blanche ist die Cabane du Mountet auf 2.886 Metern. Zu erreichen ist diese Hütte lediglich über einen langen Zustieg vom großen Parkplatz direkt hinter der Ortschaft Zinal (1.674 Meter) im Talschluss des Val d´Anniviers. Rund 4 Stunden sollte man für den Weg an der Westflanke des Besso hoch über der Gletscherzunge des einst mächtigen Glacier de Zinal einkalkulieren. Die Hütte selbst ist wunderbar gelegen, gut bewirtet und sehr gemütlich.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Oben angekommen bereite ich mich für die anstehende Tour am nächsten Tag vor. Mit dem ausgeliehenen Fernrohr der Hütte habe ich den Grat, den man vom Hüttenstandort aus perfekt in seiner vollen Länge sehen und begutachten kann, unter die Lupe genommen. Anders als in den meisten umliegenden Graten scheinen die Verhältnisse nicht wirklich ideal zu sein und hätte ich nicht müssen, dann wäre der Viereselsgrat eher nicht meine erste Wahl für eine Tour am nächsten Tag geworden. Es nützt nichts und so rechne ich halt einfach etwas mehr Zeit ein - und sollte recht behalten.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Dent Blanche, Viereselsgrat

Für den Viereselsgrat gibt es von der Mountethütte aus im Grunde zwei Möglichkeiten: Von der Hütte hinunter auf den Gletscher und über den Glacier Durand bis auf das oberste Becken (3.250 Meter). Dann entweder in einem Rechtsbogen oberhalb der Gletscherbrüche flach bis zum rechten Arm (in Aufstiegsrichtung) des Grates - dem eigentlichen "Arete des Quatre Anes" - oder vom Gletscherbecken ziemlich geradeaus weiter in das Col de Zinal (Firn und Schotter 45-50°) und über den linken Arm des Viereselsgrates zum Vereinigungspunkt beider Varianten auf 4.000 Meter Seehöhe. Ich entscheide mich für die erste Option über den eigentlichen Viereselsgrat und schätze, dass ich hier knapp eine Stunde schneller bin. Der Nachteil ist, dass ich wesentlich mehr auf der noch gut eingeschneiten (beziehungsweise wieder frisch eingeschneiten) Nordseite klettern muss, wohingegen die Variante über das Col de Zinal wesentlich trockener an der Südseite entlang führen würde.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Auf alle Fälle starten wir um 2 Uhr mit einem Thermosfrühstück von der Hütte. Gut markiert führt der Weg direkt unterhalb der Hütte abwärts und dann links über die steile Moräne hinunter auf den Gletscher. Nun geht es eine weile flach dahin (tendenziell eher an der linken Gletscherseite - in Aufstiegsrichtung gesehen) bis zu einem ersten etwas steileren Aufschwung, wo man ganz bis zum Fels des Roc Noir wechselt, welcher den Durand- vom Corniergletscher trennt. Nach einem kurzen Flachstück folgt ein weiterer etwas steilerer Aufschwung und man befindet sich auf dem oberen Becken. Nun geht es oberhalb der Gletscherbrüche in einem ausholenden Bogen auf den felsigen Ausläufer des insgesamt 1.000 Höhenmeter ansteigenden Viereselsgrates zu. Von der Hütte bis zum Fels 2 Stunden.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Über eines von zwei Couloirs (links zwar steiler aber sobald schneefrei oft besser, rechts recht schuttig wenn schneefrei, dafür aber weniger steil) geht es auf den Grat. Wir gehen über das zum Teil noch mit etwas Schnee gefüllte rechte Couloir ohne Schwierigkeiten auf den Grat. Den ersten Gratturm, den man sich beim Aufstieg durch das linke Couloir sparen würde überklettern wir in genussvoller Kletterei in bombenfesten Fels. Das fängt schon mal super an denke ich mir an diesem Punkt noch. Nach einer weiteren Stunde sind wir an dem Punkt, wo die zweite Rinne zum Grat hochkommt. Also bis hier hin schon mal sehr gut in der Zeit.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Dent Blanche, Viereselsgrat

Viele Infos zum Grat konnte ich nicht finden und das Topo, welches im SAC Führer zu finden ist, erweckt den Eindruck, dass vor allem der erste Teil des Grates bis zum Vereinigungspunkt auf 4.000 Meter kaum Probleme darstellen sollte. Wir klettern zügig und schauen vorwärts zu kommen. Schnell merke ich aber, dass dieses Topo nicht nur Details vermissen lässt, sondern auch größere Grattürme und anspruchsvollere Passagen komplett verschweigt. Was bei dieser Länge und den wahrscheinlich vielen Möglichkeiten auch verständlich ist. So lassen wir das Handy mit dem Topo im Hosensack, verlassen uns auf unseren Spürsinn und sparen außerdem den Akku.



Dent Blanche, Viereselsgrat

Der anfänglich bombenfeste Fels wechselt bald in brüchigere Passagen, die einiges an Vorsicht verlangen. Auch mit den trockenen Bedingungen ist es bald vorbei und nach etwa 400 Höhenmetern auf dem Grat wird es Zeit für die Steigeisen. Immer wieder sind große Grattürme und Gendarmen an der verschneiten und vereisten Nordflanke zu umgehen. Dort ist es schwieriger abzusichern aufgrund des brüchigen Felsens und der nur recht dünnen Eisunterlage. Wir merken, dass wir aufgrund der nun immer bescheideneren Verhältnisse langsamer geworden sind und die Zeit, die wir am Anfang gut gemacht haben nun schnell einbüßen.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Nach knapp 5 Stunden auf dem Grat (+ 2 Stunden Zustieg) erreichen wir den Vereinigungspunkt der beiden Grate auf 4.000 Metern. Wir haben bereits fast 800 Höhenmeter auf dem Viereselsgrat hinter uns gebracht. Der Gipfel liegt auf 4.357 Metern und man könnte meinen, dass er nicht mehr so weit sein kann. Laut SAC Topo sind es bis hier hin 3 Stunden Gratkletterei (wobei es gute Verhältnisse und flotte Kletterer braucht um das einzuhalten) und es sollten noch einmal weitere 3 Stunden bis zum Gipfel sein. Laut Topo sind wir also gerade mal auf Halbweg.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Wir machen eine kurze Pause, es ist bereits 10 Uhr. Dass uns der anspruchsvollste, gefährlichste und zeitraubendste Teil des Grates erst noch bevor steht wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch die Verhältnisse werden zunehmend miserabler. Zahlreiche kleinere Grattürme überklettern wir. Die großen werden von uns ausnahmslos umgangen. Der recht scharfe Grat beginnt nun in den Scharten zwischen den Grattürmchen stark überwechtet zu sein. Zum Teil schaffe ich es, die Wechten hinunter zu treten bevor ich daran entlangklettern muss, bei einigen gelingt mir das jedoch nicht. Ab hier geht es nur noch in kurzen Seillängen von Standplatz zu Standplatz. Eine Wechte hält zwar mich im Vorstieg, nicht jedoch den Nachsteiger. Mit einer super Reaktion kann er sich jedoch noch an der Gratschneide festhalten. Wir sind gewarnt.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Der Schnee in der Südflanke ist derart aufgeweicht, dass wir hier bis zum Bauch einsinken beim Spuren. Wir wechseln uns mit der Spurarbeit ab und kommen langsam aber sicher dem Gipfel immer näher. Der im Topo beschriebene Firngrat, mit dem wir gerechnet hatten kommt nicht. Stattdessen kämpfen wir uns durch einen Mix aus Wechten, zahllosen Grattürmen, brüchigen Flanken und aufgeweichtem Schneesulz. Erst die letzten Meter zum Gipfel lassen einen Firngrat erahnen, wobei uns auch hier die Wechten immer wieder dazu zwingen in die weiche Südflanke auszuweichen.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Dann endlich nach 12 Stunden stehen wir am Gipfel. Hier lassen wir es mit der Prüfung gut sein, es ist bereits 14 Uhr. Wir schauen, dass wir so rasch wie möglich die Schönbielhütte erreichen, da ja für die kommenden zwei Tage noch weitere Prüfungstouren auf dem Programm stehen.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Wir steigen über den Südgrat (Wandfluegrat) - welcher gleichzeitig auch der Normalweg auf die Dent Blanche darstellt bis zur Wandfluelücke ab. Nun halten wir uns in Richtung Osten und suchen uns durch die schottrige Wandflue einen Weg hinunter auf den Schönbielgletscher. Nach geschlagenen 16 1/2 Stunden erreichen wir die Schönbielhütte. Für den gesamten Abstieg, welcher auch über weite Strecken auf dem Grat beziehungsweise im Absturzgelände verläuft, jedoch wesentlich weniger schwierig ist, haben wir nochmal 4 1/2 Stunden benötigt.


Dent Blanche, Viereselsgrat

Für den nächsten Tag steht die Überschreitung des Obergabelhorns (Arbengrat - Wellenkuppe) und ein weiterer Hüttenwechsel auf die Rothornhütte auf dem Programm. Viel Zeit zum regenerieren bleibt also nicht nach dieser langen und eindrucksvollen Tour, die mit großen Graten wie beispielsweise der Weisshornüberschreitung locker in einer Liga spielt.


Dent Blanche, Viereselsgrat

 

Fakten:


Ausgangspunkt: Zinal (Val d´Anniviers) - 1.675 Meter

Stützpunkt: Cabane du Mountet - 2.886 Meter


Hüttenzustieg Zinal - Cabane du Mountet: ca. 4 Stunden - 1.250 Höhenmeter


Zustieg: Cabane du Mountet - Arede des Quatre Anes: 500 Höhenmeter - ca. 2 Stunden


Viereselsgrat bis zum Vereinigungspunkt auf 4.000 Meter (D/III): 800 Höhenmeter - 3 bis 5 Stunden

Vereinigungspunkt bis zum Gipfel (D/III): 350 Höhenmeter - 3 bis 5 Stunden (viele Grattürmchen, oft überwechtet - Zeitbedarf stark von den Verhältnissen abhängig)


Gesamt (Hütte - Gipfel): 1.600 Höhenmeter - 9 bis 12 Stunden


Abstieg: Südgrat bis Dent Blanche Hütte - ca. 3 Stunden



 

GPX Daten:

Dent Blanche - Viereselsgrat
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Tags: Hochtour, Schweiz, Westalpen, Wallis, Dent Blanche, Viereselsgrat, Südgrat, Cabane du Mountet, Schönbielhütte

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